Impfungen – Zeitgemäß oder überholt?

21.07.16

Altes und Neues zum Thema Impfen

Von Dr. med. Martin Pitzer,
Facharzt für Innere und Arbeitsmedizin, Pneumologe und Allergologe        

Teil 1

Impfempfehlungen werden in der Öffentlichkeit oft sehr leidenschaftlich und kontrovers diskutiert. Impfkritische Informationen werden über alle Medien und im Internet verbreitet. Auch in unseren Anamnesegesprächen treffen wir immer wieder auf skeptische Einwände. Häufig sind die Argumente aber eher weltanschaulicher als wissenschaftlicher Natur. In diesem Artikel möchte ich daher darauf eingehen, was eigentlich bei einer Impfung passiert und wie der aktuelle wissenschaftliche Kenntnisstand zur Wirksamkeit und Sicherheit von Impfungen ist.

Eine vorbeugende Impfung (Schutzimpfung) gegen eine Infektionskrankheit beruht auf einer aktiven Immunisierung gegen den Krankheitserreger. Das körpereigene Immunsystem wird durch die Impfung befähigt, durch spezifische Antikörper auf eine Infektion mit dem Erreger so rasch und wirksam zu reagieren, damit daraus keine oder nur eine abgeschwächte Infektionskrankheit resultiert. Aktive Impfungen können mit Lebendimpfstoffen, die lebende, abgeschwächte Krankheitserreger enthalten (z.B. Masern, Mumps, Röteln, Gelbfieber), oder Todimpfstoffen, die nicht vermehrungsfähige Antigene (z.B. nur einen kleinen Teil des Erregers) enthalten durchgeführt werden (fast alle übrigen gängigen Impfungen).

Epidemiologische Daten von Infektionskrankheiten belegen, dass Impfungen gegen Infektionserreger zweifelsfrei zu den erfolgreichsten primären Präventionsmaßnahmen der Medizin gehören. Zusammen mit einer verbesserten Lebensmittel- und Wasserhygiene ist die breite Anwendung von Impfungen maßgeblich für den massiven Rückgang der Säuglingssterblichkeit und die hohe Lebenserwartung im 20. und 21. Jahrhundert verantwortlich. Noch in den 30iger Jahren starben in Deutschland jedes Jahr 6.000 Menschen, zumeist Kinder, an Diphterie und 500 Menschen an Kinderlähmung (Polio), an der – anders als der Name vermuten lässt – auch Erwachsene erkranken können.

Wie bei jeder diagnostischen und therapeutischen Maßnahme in der Medizin müssen auch bei Impfungen Nutzen und Risiken seriös gegeneinander abgewogen werden. Evidenzbasiert, d.h. auf der Grundlage wissenschaftlicher Studien und Daten zu Krankheitszahlen sind also Wirksamkeit und Sicherheit von Impfungen zu prüfen, um sinnvolle Indikationen zu definieren.

Die Wirksamkeit von Impfungen ist bei vielen Erkrankungen unumstritten und sehr offensichtlich. Krankheiten wie die häufig tödlich verlaufenden Pocken konnten weltweit vollständig eliminiert werden. Auch die früher in Europa und Amerika verbreitete Kinderlähmung (Poliomyelitis) kommt in diesen Kontinenten nicht mehr vor. Polio-Wildviren sind nur noch in wenigen Ländern (Nigeria, Afghanistan, Pakistan und Indien) endemisch. Masern sind in Nord- und Südamerika, wo die Kinder meist bei Schuleintritt eine Masernimpfung nachweisen müssen, ausgerottet. In Europa, wo diese Impfung freiwillig ist, kommt es dagegen immer wieder zu Masernepidemien mit zahlreichen Krankheitsfällen. Da Masern zu schweren bleibenden neurologischen Schäden und bei ca. 1-3 von 1.000 Erkrankungen (in Entwicklungsländern deutlich häufiger) sogar zum Tode führen können, ist der Verzicht auf diese Impfung durchaus fragwürdig.

Das etwas saloppe englische Sprichwort „Wenn du die Impfung nicht magst, probiere die Krankheit“ zeigt, dass immer beide Seiten der Impf-Medaille zu betrachten sind: Die Risiken der Impfung und der zugehörigen Erkrankung.

Wie bei allen therapeutischen Maßnahmen in der Medizin gilt auch bei einer Impfung der Grundsatz „Keine Wirkung ohne mögliche Nebenwirkung“. Je gefährlicher die Erkrankung ist (Folgeschäden bis hin zum Tod), desto eher wird man eventuelle Nebenwirkungen in Kauf nehmen. So waren die Pocken eine weit verbreitete, hoch ansteckende und häufig tödlich verlaufende Erkrankung. Obwohl bei jeder zehntausendsten Pockenimpfung schwere Nebenwirkungen bis hin zu Todesfällen (ein Todesfall auf ca. 1 Millionen Impfungen) auftraten, wurden durch diese Impfung letztlich Millionen Menschenleben gerettet und die Erkrankung wurde weltweit ausgerottet.

Wie oben bereits aufgeführt, ist die Wirksamkeit von Impfungen schon lange bekannt und gut belegt. Der individuelle Nutzen für den Geimpften besteht im Schutz vor der Krankheit, wobei aber im Allgemeinen nicht für alle Geimpften ein hundertprozentiger Impfschutz zu erreichen ist. Das Erkrankungsrisiko sowie Schwere und Komplikationsmöglichkeit einer Erkrankung sind darüber hinaus für die individuelle Entscheidung über eine Impfindikation wichtig. Bei bevölkerungsweit hoher Akzeptanz und damit hohen Impfquoten (95%) profitieren darüber hinaus auch Nicht-Geimpfte dadurch, da es möglich ist, einzelne Krankheitserreger regional oder gar weltweit zu eliminieren (Pocken, Polio, Masern – s.o.).

Natürlich können nach einer Impfung auch Nebenwirkungen auftreten. Am häufigsten sind lokale Reaktionen an der Einstichstelle oder allgemeine Zeichen einer Reaktion des Immunsystems (z.B. Fieber, leichtes Krankheitsgefühl). Lebendimpfstoffe (z.B. Masern, Mumps, Röteln) können zudem ähnliche Symptome auslösen, wie die Krankheit selbst, die aber im Allgemeinen nur milde ausgeprägt sind und viel seltener mit den krankheitstypischen Komplikationen einhergehen. Auch allergische Reaktionen sind möglich, vereinzelt sogar bis hin zum lebensbedrohlichen allergischen Schock (z.B. bei Impfstoffen, die Hühnereiweiß enthalten). Andere schwere Nebenwirkungen sind sehr selten. Der Verdacht auf Impfkomplikationen muss daher von den Ärzten bei den Behörden gemeldet werden und inzwischen kann diese Meldung auch durch den Geimpften selbst erfolgen (Internetportal des Paul-Ehrlich-Instituts und des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte).

Viele impfkritische Hypothesen (u.a. Verursachung von Multipler Sklerose durch Hepatitis B-Impfungen, von Autismus durch Masernimpfungen oder von Autoimmunkrankheiten durch diverse Impfstoffe, Begünstigung von Allergien, Krampfanfällen…) sind längst wissenschaftlich widerlegt.

Das Verhältnis von Wirkung und möglichen Nebenwirkungen hat sich bei vielen Impfstoffen im Vergleich zu früher deutlich verbessert. Impfabstände konnten dadurch verlängert werden oder Auffrischimpfungen können ganz entfallen. So wurden Konjugat-Impfstoffe entwickelt, in denen das Krankheits-Antigen chemisch an ein Eiweiß gebunden ist, so dass eine stärkere und länger anhaltende Immunantwort erzeugt wird. Durch ein besseres Verständnis der Pathophysiologie vieler Erkrankungen wurden außerdem gezielt antigene Bestandteile einzelner Krankheitserreger identifiziert und für neue Impfstoffe genutzt, die sehr viel besser verträglich sind als die früher gebräuchlichen Ganzkeim-Impfungen (beispielsweise bei den Impfungen für Keuchhusten, Hepatitis B, HPV).

Eine generelle „Impfverweigerung“ ist aus wissenschaftlicher Sicht sicher nicht gerechtfertigt. Natürlich müssen Krankheitsrisiko und -schwere sowie Wirksamkeit und Verträglichkeit der vorhandenen Impfstoffe berücksichtigt werden, damit der individuelle Nutzen das Risiko einer Impfung überwiegt. Außerdem sind individuelle Faktoren zu berücksichtigen. So hängt das Erkrankungsrisiko bestimmter impfpräventabler Erkrankungen auch von der Lebensführung (z.B. Reisen, Sexualverhalten) ab oder aber es sind bestehende chronische Erkrankungen (z.B. Herz- oder Lungenerkrankung, Diabetes) zu berücksichtigen, die das Risiko durch eine sonst eigentlich eher harmlose Erkrankung erhöhen.

Auf jeden Fall ist es sinnvoll, den nächsten Arztbesuch dazu zu nutzen, den eigenen Impfstatus zu überprüfen. Dies erfolgt grundsätzlich im Rahmen des Gesundheits-Check-ups bei Praeveneo. Im Gespräch ermitteln wir auch auch Ihren Impfbedarf für eine gegebenenfalls anstehende Reise.

Fazit Teil 1:

  • Impfungen sind präventivmedizinisch sehr effektive Maßnahmen

  • Mögliche Schwere und Infektionsrisiko sowie Wirksamkeit und Verträglichkeit des Impfstoffs bestimmen die Indikation für eine Impfung

  • Besondere Expositionsrisiken (zum Beispiel Fernreisen) sind dabei zu berücksichtigen

  • Nutzen Sie den nächsten Arztbesuch oder Check-up, um Ihren Impfstatus zu überprüfen und gegebenenfalls zu aktualisieren

 

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