Impfungen – Zeitgemäß oder überholt?

12.01.17

Altes und Neues zum Thema Impfen

Von Dr. med. Martin Pitzer,
Facharzt für Innere und Arbeitsmedizin, Pneumologe und Präventivmediziner DAPM      

Teil 2

Im ersten Teil (s.a. unsere Homepage) bin ich auf die allgemeinen Grundlagen von Impfungen unter Berücksichtigung des aktuellen wissenschaftlichen Kenntnisstands eingegangen. Im heutigen zweiten Teil werde ich mich mit einzelnen Impfungen für verschiedene  Erkrankungen befassen, welche man durch Impfungen verhindern kann.

Grundsätzlich werden zwei Gruppen von Impfungen unterschieden. Zum einen Standardimpfungen mit allgemeiner Anwendung, das heißt Impfungen, die für Säuglinge, Kinder, Jugendliche und Erwachsene in Deutschland jedem empfohlen werden. Zum anderen Indikationsimpfungen für Risikogruppen bei individuell erhöhtem Expositions-, Erkrankungs- oder Komplikationsrisiko (z.B. klassische Reiseimpfungen) oder zum Schutz von Dritten (z.B. Keuchhusten). 

Standardimpfungen werden normalerweise bereits im Säuglings- und Kindesalter begonnen und es erfolgt eine Grundimmunisierung mit meist mehreren Impfungen. Um den Impfschutz dauerhaft zu gewährleisten, müssen die meisten Impfungen im Erwachsenenalter aufgefrischt werden. Bei einer Grundimmunisierung sollten die von den Impfstoffherstellern empfohlenen Impfabstände eingehalten werden. Besonders wenn die Abstände unterschritten werden, kann sich dies ungünstig auf die Stärke der Immunantwort und die Dauer des Impfschutzes auswirken. Unzulässig zu große Abstände zwischen den Impfungen gibt es nicht und jede Impfung zählt! Auch eine vor vielen Jahren unterbrochene Grundimmunisierung muss nicht neu begonnen werden, sondern wird mit den fehlenden Impfdosen komplettiert! 

In jedem Alter sinnvolle, von der STIKO (Ständige Impfkommission des Robert-Koch-Institutes) empfohlene Standardimpfungen sind die Impfungen gegen die beiden lebensbedrohlichen Erkrankungen Tetanus (Wundstarrkrampf) und Diphtherie. 

Außerdem sollte im Erwachsenenalter eine einmalige Impfung gegen Keuchhusten erfolgen. Die Erkrankungsrate von Keuchhusten bei Erwachsenen ist in den letzten Jahren deutlich angestiegen, wobei die Krankheit oft nur mit „unklarem“ Husten einhergeht und nicht als Keuchhusten erkannt wird. Bei Erwachsenen eher unproblematisch, kann Keuchhusten bei Säuglingen zu schweren Komplikationen bis hin zum tödlichen Atemstillstand führen. Der eigentliche Grund der Impfung Erwachsener ist also der Schutz von ungeimpften Säuglingen, die von erkrankten Erwachsenen angesteckt werden können. Die Kleinen können frühestens nach dem zweiten Lebensmonat geimpft werden, davor sind sie einer eventuellen Krankheitsübertragung durch betreuende Erwachsene schutzlos ausgeliefert. 

Neben den Standardimpfungen gibt es auch die sogenannten Indikationsimpfungen, die nur für bestimmte Personengruppen mit erhöhtem Risiko erforderlich sind. Grund für diese Impfung kann ein erhöhtes berufliches Expositionsrisiko sein, z.B. beim Umgang mit Blutprodukten oder anderen Tätigkeiten im medizinischen Bereich. Auch die klassischen Reiseimpfungen gehören zu den Indikationsimpfungen. Der individuelle Bedarf ist in einer reisemedizinischen Beratung  zu klären. 

Klassische Reiseimpfungen sind z.B. Impfungen gegen die infektiöse Gelbsucht (Leberentzündung = Hepatitis A und B), Typhus, Gelbfieber oder Tollwut. Eine „Reiseimpfung“ innerhalb Deutschlands ist die Impfung gegen die von Zecken übertragene, virale Form der Gehirnhautentzündung (Frühsommermeningoenzephalitis oder FSME). Die Indikation zu dieser Impfung hängt letztlich davon ab, ob man in einem FSME-Risikogebieten lebt (z.B. Baden-Württemberg, große Teile Bayerns und Hessens sowie einzelne Landkreise in Rheinland-Pfalz, dem Saarland, Sachsen und Thüringen) und davon, ob ein erhöhtes Zeckenbissrisiko besteht. Dieses erhöhte Expositionsrisiko kann z.B. durch eine berufliche Tätigkeit (z.B. im Wald oder in der Landwirtschaft) oder aber durch Freizeitaktivitäten (z.B. Mountainbike fahren, Golf, Jagd) bedingt sein. Außer in Teilen Deutschlands gibt es FSME auch in zahlreichen anderen europäischen Ländern, insbesondere in Osteuropa und Südschweden. 

Weitere Indikationsimpfungen können aufgrund des Alters oder wegen bestehenden chronischen Erkrankungen sinnvoll sein. Zahlreiche chronische Erkrankungen erhöhen durch die vorbestehende Organschädigung das Risiko eines schweren oder komplizierten Verlaufs von bestimmten Infektionskrankheiten. Vor allem Menschen mit chronischen Erkrankungen der Atemorgane (z.B. COPD, Asthma), mit chronischen Herz-Kreislauf-, Leber- und Nierenerkrankungen, Diabetes, chronischen neurologischen Erkrankungen (z.B. Multiple Sklerose) sowie angeborenen oder erworbenen Immundefizite profitieren von solchen Impfungen. 

Zur Gruppe der Indikationsimpfungen gehören die Grippeschutzimpfung und die Pneumokokken-Impfung. Pneumokokken sind die häufigsten Erreger einer schwer verlaufenden Lungenentzündung, die vor allem in höherem Alter oft zum Tod führt. Eine einmalige Pneumokokken-Impfung wird daher ab dem 60. Lebensjahr generell empfohlen.

In Deutschland verfasst und veröffentlicht die STIKO (Ständige Impfkommission des Robert-Koch-Instituts, www.stiko.de) einmal jährlich Impfempfehlungen. In diesen Empfehlungen werden Indikationen, Kontraindikationen und die Durchführung von Impfungen ausführlich erläutert und begründet. Dabei werden die jeweils aktuellen Erkenntnisse und Daten über das Erkrankungsrisiko, die Schwere und den Verlaufs einer Erkrankung sowie die Wirksamkeit und möglichen Nebenwirkungen eines zur Verfügung stehenden Impfstoffs berücksichtigt.

Im Rahmen unserer individuellen Check-ups erfolgt immer eine Analyse des aktuellen Impfstatus und eine entsprechende Aufklärung und Beratung. Die meisten Impfungen können direkt am Untersuchungstag ergänzt bzw. aufgefrischt werden.

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